Jungwon Phee: The Black Path

5 September - 17 October 2026
Overview

Nach seinem Studium der Freien Kunst am Pratt Institute in New York entwickelte Jungwon Phee seine abstrakte malerische Praxis in Seoul, New York, Berlin, Tokio und Taipeh weiter. Ausgangspunkt seiner Malerei sind persönliche Erfahrungen und Erinnerungen, ohne dass diese in konkrete Bilder oder Erzählungen überführt werden. Stattdessen entsteht Bedeutung aus dem Material, der Beschaffenheit der Bildoberfläche und den Spuren, die sich im Laufe der Zeit darin einschreiben. The Black Path, Phees erste Einzelausstellung in Leipzig, widmet sich dem Verhältnis von Schwarz, Materialität und Erinnerung, die allesamt seiner künstlerischen Praxis zugrunde liegen.

 

Der schwarze Grund

 

Phees Gemälde beginnen stets mit Schwarz. Den Bildgrund entwickelt er aus einer Verbindung von Tusche, einem zentralen Material der ostasiatischen Malerei, und schwarzem Gesso, das in der westlichen Malereitradition zur Grundierung von Bildträgern dient. Phee wuchs zwischen Korea, Kanada und den Vereinigten Staaten auf. Die Verbindung beider Materialien steht für ihn daher in engem Zusammenhang mit der Erfahrung, sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu bewegen. Dabei geht es nicht um eine Gegenüberstellung oder Verschmelzung vermeintlich klar voneinander getrennter Traditionen von Ost und West. Vielmehr entsteht aus dem Zusammentreffen der Materialien ein malerischer Grund, aus dem Phee seine eigene Bildsprache entwickelt.

 

Schwarz ist für Phee mehr als eine Farbe. Über Jahre hinweg hat es sich mit persönlichen Erinnerungen aufgeladen. Während seiner Kindheit im Ausland, in der er sich häufig als Außenstehender fühlte, wurden Höhlen an der Küste zu Rückzugsorten, an denen er sich für eine Weile der Außenwelt entziehen konnte. Jahre später kehrte diese Erinnerung während einer Reise nach Mexiko zurück, wo er prähistorischen Höhlenmalereien begegnete.

 

Über Jahrtausende in der Dunkelheit erhalten, bewahren diese Bilder menschliche Wünsche und Erfahrungen in einer der frühesten Formen bildnerischen Ausdrucks. Monumentale Felsflächen, die erst im schwachen Licht hervortraten, und abstrakte Zeichen in der Dunkelheit hinterließen bei Phee einen nachhaltigen Eindruck. Diese Begegnung wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt für sein Verständnis von Schwarz, Oberfläche und den Spuren von Zeit.

 

Damit verbindet sich eine grundlegende Überzeugung des Künstlers: „Emotionen sind universell, ihr Ausdruck ist persönlich.“ Die emotionale Resonanz einer Erfahrung kann Zeit und

Ort überschreiten; ihre bildnerische Form hingegen bleibt mit der individuellen Geschichte des Künstlers und seinen Entscheidungen im Umgang mit dem Material verbunden.

 

Erinnerung in Schichten

 

In den Höhlen begegnete Phee nicht nur der Dunkelheit. Ebenso prägend waren die rauen Oberflächen, die über lange Zeiträume durch Ablagerung und Erosion entstanden sind. Sie finden eine Entsprechung im materiellen Aufbau seiner Gemälde. Farbe fließt, sammelt sich, härtet aus und reißt auf. Wiederholt aufgetragene Farbschichten und Risse unterschiedlicher Größe machen Dauer materiell erfahrbar. Wie die Jahresringe eines Baumes zeichnet die Oberfläche die verstrichene Zeit auf.

 

Für Phee sind diese Risse weder Zeichen von Beschädigung noch von Verlust. Sie bezeugen, was die Zeit überdauert hat.

 

Auch Erinnerungen treten in seinen Gemälden fragmentarisch auf. Sie werden nicht zu vollständigen Bildern rekonstruiert, sondern kehren in veränderter Form wieder, als Verdichtungen von Farbe oder reduziert auf geometrische Formen. Persönliche Erzählungen verschwinden unter dichten Pigmentschichten, bis ihre konkreten Zusammenhänge nicht mehr lesbar sind. Die Erinnerung geht in Abstraktion über und löst sich damit von der Biografie des Künstlers, ohne ihren Ursprung vollständig zu verlieren.

 

Gerade in dieser Verschiebung begegnen sich das Persönliche und das Allgemeine. Unter den Schichten individueller Setzungen treffen die Emotionen, von denen Phees Arbeiten ausgehen, auf die Erinnerungen und Wahrnehmungen der Betrachtenden. Die ursprüngliche Erzählung muss dabei nicht rekonstruiert werden. Das Bild lässt sich vielmehr aus der jeweils eigenen Erfahrung heraus erschließen.

 

Diesem Prinzip entspricht auch Phees Entscheidung, sämtliche Arbeiten Untitled zu nennen. Mit dem Verzicht auf beschreibende Titel entzieht er sich einer vorgegebenen Lesart und hält die Bilder für unterschiedliche Assoziationen und Interpretationen offen.

 

In The Black Path bezeichnet „Path“ keinen Weg zu einem festgelegten Ziel. Der Begriff beschreibt vielmehr eine Bewegung nach innen, entlang der Spuren von Zeit und Erinnerung. Dabei geht es nicht um eine Rückkehr in die Vergangenheit. Phees Erinnerungen bilden den Ausgangspunkt seiner Gemälde, legen deren Bedeutung jedoch nicht fest. In der Begegnung mit anderen Erfahrungen und anderen Formen des Sehens entstehen neue Zusammenhänge. Das Bild bleibt offen. Es trägt in sich, was sich bereits abgelagert hat, und lässt zugleich Raum für das, was noch hinzukommen kann.

 


 

After studying Fine Arts at Pratt Institute in New York, Jungwon Phee has continued to develop his abstract painting practice across Seoul, New York, Berlin, Tokyo, and Taipei. Rooted in personal experience and memory, his paintings resist fixed imagery and narrative. Instead, meaning emerges from the physical qualities of paint, the surface of the canvas, and the marks left by time. The Black Path, Phee’s first solo exhibition in Leipzig, focuses on the relationship between black, materiality, and memory, which has remained central to his practice.

 

The Black Ground

 

Phee’s paintings always begin with black. He creates this ground by combining ink, a fundamental material in East Asian painting, with black gesso, commonly used to prepare surfaces for painting in the Western tradition. Having grown up between Korea, Canada, and the United States, Phee understands this combination in relation to his own experience of moving between different cultural contexts. The two materials are not intended to represent East and West as opposing traditions. Their convergence instead provides the ground from which his own visual language has developed.

 

For Phee, black is not simply a color. It has accumulated meaning over time. During his childhood abroad, when he often felt like an outsider, coastal caves offered him a place of retreat from the world around him. Years later, this memory returned during a trip to Mexico, where he encountered ancient cave paintings.

 

Preserved in darkness for thousands of years, the paintings recorded human wishes and experiences in one of the earliest forms of image making. Monumental rock surfaces emerging in faint light and abstract forms inscribed within the darkness left a lasting impression on Phee. The experience became an important reference for his understanding of black as a space in which surface, memory, and time converge. Furthermore, Phee conveys a core belief: “Emotions are universal; expression is personal.” While the emotional resonance one encounters transcends time and space in its universality, the medium and visual articulation remain rooted in the artist’s distinct personal narrative and material choices.

 

The caves also drew Phee’s attention to surfaces transformed by accumulation and erosion over long periods of time. Their rough textures find an echo in the physical construction of his paintings. Paint flows, accumulates, hardens, and cracks across the canvas. Repeated layers of matière and fissures of varying sizes record duration materially. Much like the rings of a tree, the surface becomes a record of time made visible.

 

For Phee, these cracks do not signify damage or absence. They are evidence of what has endured. Memory enters the paintings in a similarly fragmented state. It is never reconstructed as a complete image. Instead, fragments return as deposits of paint or are reduced to geometric forms. Phee embeds personal narratives beneath dense layers of pigment until their specific circumstances are no longer legible. Memory is translated into abstraction, leaving the work open to associations beyond the artist’s own experience. Beneath the strata of highly individual expression, the universality of emotion comes to intersect with the personal memories and perceptions of each viewer. The viewer is not asked to recover the original narrative but to encounter the painting according to their own lived experiences.

 

The same principle informs Phee’s decision to title every work Untitled. By withholding descriptive titles, he avoids prescribing how an image should be read and allows each painting to remain open to individual interpretation.

 

In The Black Path, the word “path” does not suggest a route toward a particular destination. It describes a movement inward, following traces of time and memory. This movement, however, is not a return to the past. Phee’s memories provide the starting point for each painting, but they do not determine its final meaning. As the work encounters other experiences and other ways of seeing, its meaning continues to change. The painting remains unresolved, carrying what has already accumulated while leaving room for what may come next.

Installation Views
Works